Festvortrag
zur Geschichte der Altstädter Schule von Konrad Klütz , Rektor i.R.
09.05.2003
Verehrte Festversammlung, liebe Kolleginnen und Kollegen!
75
Jahre Altstädter Schule heißt beileibe nicht, dass die Schule insgesamt 75
Jahre alt ist, d.h. lediglich, die Schule ist vor 75 Jahren erneut von einem
Teil der Altstadt in einen anderen umgezogen und wird seit dieser Zeit
"Altstädter Schule" genannt.
Lassen Sie mich einen kurzen Augenblick bei den Wurzeln der Altstädter Schule
verweilen; ohne sie gäbe es die Altstädter Schule nicht.
Die Anfänge gehen mindestens in das Jahr 1621 zurück, als Magister Johann
Wezelius (1570-1641) bei seiner Einführung als Generalsuperintendent
versprochen hatte, sich um das Volksschulwesen besonders zu kümmern (VS III, S.
2).
Ein ganz sicheres festes Datum ist das Jahr 1689 als Herzog Georg Wilhelm von
Celle (1665-1705) "in Neuenhäusen daselbst die Gründung zweier
Schulen" verordnete (Ch. d. N. S., S. 3), die dann 1701 "gegenüber
dem Kirchhofe Neuenhäusen", also in der Kirchstraße, erfolgte. Bis dahin
fand der Unterricht in "gemieteten Lokalen" statt.
Die Hauptwurzel ist neben der Bürgerschule die am 13. Okt. 1890 eingeweihte Volksschule
Altstadt Neuenhäusen, die Volksschule III, im Volksmund Triftschule genannt.
(Die drei anderen Volksschulen lagen und liegen noch heute außerhalb des
Stadtzentrums, nämlich in der Blumlage, am Hehlentor und in der Neustadt).
Insbesondere die verbindliche Einrichtung der Grundschule im Jahre 1920,
durch die die "höheren Lehranstalten" - nicht ohne kräftigen
Widerstand - ihre "Vorklassen" verloren, führte sehr schnell zur
völligen Überfüllung der Triftschule, die mit einer Reihe von Klassen in das
"Alte Gymnasium", die jetzige Stadtbücherei, ausweichen mußte.
Hauptgrund für den Neubau dieser Schule war jedoch die zwingende
Räumung des "Alten Gymnasiums" im Jahre 1926 für das
Thaer-Seminar, das die Stadtväter nach Celle holen konnten.
Nachdem der dem Neuen Wohnen zugewandte Architekt Otto Haesler (1880-1962), in
Celle insbesondere schon bekannt durch die ebenfalls nord-süd-orientierten
lichten Zeilenbauten "Georgsgarten", mit seinem Wettbewerbsentwurf,
betitelt "Gesunder Geist muss in gesundem Körper wohnen" (er
hatte 3 Entwürfe eingereicht), den Architektenwettbewerb gewonnen hatte, konnte
die auf 677 Schüler angewachsene Triftschule am 28. Okt. 1927 zwischen den
kahlen, riesigen Mauern der Turnhalle ein bis dahin ungewohntes Richtfest ohne
Satteldach und ohne die gewohnten Dachbalken feiern. Am Sonnabend, dem 19. Mai
1928 zog die gesamte Schule nach musikalischer Verabschiedung von der
Tiftschule mit dem Choral "Unseren Ausgang segne Gott" im Festumzug
durch die Hannoversche Straße zur Sägemühlenstraße und nahm unter
Musikbegleitung und einem "kräftig erklingenden" "Lobe den
Herrn" von der neuen Schule Besitz.
Herr Rektor Wilke schreibt zu der neuen Wirkungsstätte voll des Lobes:
"Nichts in der neuen Schule ist Zufall, sondern alles ist wohlüberlegt und
durchdacht... Alle Wünsche der Schule und Anregungen ihrerseits fanden von
seiten des Architekten Berücksichtigung" (V. III, S. 206).
Und das neben der neuen Architektur, die in der Stadt durchaus nicht
uneingeschränkt Bewunderer fand, das Bemerkenswerte an diesem Bau: Das
besondere Einfühlungs- und Umsetzungsvermögen in die Aufbruchsstimmung der
Pädagogik "vom Kind aus", die damals, von Deutschland ausgehend,
weltweite Beachtung fand, der aber dann 1933 durch die Machtübernahme des 3.
Reiches ein jähes Ende gesetzt wurde.
Lassen Sie mich einige tragende Gedanken der Reformbewegung zum Ausdruck
bringen: Die Kunsterziehung, im weitesten Sinne die musische Erziehung, also
Musik, Gesang, Zeichnen, Werken, Literatur und Sprachgestaltung, Sport, Tanz
und Wandern, Geselligkeit und Spiel, Landschulheimaufenthalte, sittliche
Erziehung, gegenseitige Rücksichtnahme, der höfliche Umgang miteinander, Feste
und Feiern sollten gleichberechtigt neben die rationale Erziehung treten und
zur Selbständigkeit des Schülers beitragen (Jannasch, Unterrichtspraxis in der
VS, S. 25).
Die Arbeitsschulbewegung mit Männern wie Georg Kerschensteiner (1854-1932,
München), Hugo Gaudig (1860-1923, Leipzig), Otto Scheibner (1877, Jena,
Erfurt), um nur einige wenige zu nennen, stehen für diese Gedanken.
Nach Gaudig muss Schule Stätte des Lebens werden, nicht Anstalt, sondern
Veranstaltung, in der sich der Mensch frei entfalten kann. Schule soll
gegründet sein auf vertrauensvolles, gesittetes Miteinander der Lehrer und
Schüler, auf natürliche Autorität und ihre sittliche Kraft soll sich lebendig
halten durch die öffentliche Meinung.
Das Schulhaus sollte für solch ein Zusammenleben die Voraussetzung schaffen.
Der Bau musste auf das seelische Empfinden es Kindes ausgerichtet sein; alle
darin Tätigen sollten sich in ihrer täglichen Umgebung wohlfühlen.
Ein gutes unterrichtliches Gelingen mit klaren Zielen setzt eine Klarheit
der Formen unter Weglassung alles Überflüssigen voraus.
Um diese Grundideen zu verwirklichen, musste Haesler auf dem wirtschaftlichsten
Wege zu einer möglichst vollkommenen Lösung gelangen. Sie lag in der Symmetrie
des Hauses, in Stahlskelettbauweise statt im Ziegelbau errichtet. Die Ost- und
die Westseiten, das waren die Jungen- und die Mädchenseiten, sind gleich. Sie
benötigen ein großzügiges Viertreppensystem, um ein Überschneiden der
Verkehrsführung zu vermeiden; je 5 Klassenräume oben und in der Mitte,
dazwischen die gemeinsam zu benutzenden Funktionsräume.
Die Arbeitsschulbewegung verlangte im Sinne der Reformgedanken eine
übersichtliche Schule mit höchstens 400 bis 500 Schülern in Klassen mit etwa 20
Schülern. Dementsprechend plante Haesler Klassenraumgrößen von 42 bis 48
Quadratmetern.
Soviel Tageslicht wie möglich sollte die Klassenräume erhellen. Die
keimtötende Wirkung der Sonnenstrahlen sollte der Gesundheit der Kinder dienen.
Deshalb hat jeder Klassenraum eine volle Außenwand für den Lichteinfall ohne
auch nur eine störende Säule. Ca. 1800 Fenster mit etwa 3050 Scheiben
verstärkten dieses Vorhaben, das der Schule den Namen
"Glashausschule" einbrachte.
Um jedoch die Mittagshitze möglichst auszuschalten und zugleich jedem
Klassenraum Sonneneinstrahlung zuzuführen, liegen die Schmalseiten des Baues in
Süd- und Nordrichtung.
Die Front- und Tafelseite aller Klassenräume ist so eingerichtet, dass
jedem rechtsschreibenden Kind der Lichteinfall von links ohne Schattenwurf
zugute kommt. Jeder Raum hatte eine Frischluftkurbel für die Öffnung der
Oberlichter. Der breite Luftraum zwischen den Doppelfenstern diente der Isolation
gegen Kälte und übergroße Hitze.
Jedes Möbelstück in den mit Eichenparkett versehenen Räumen wurde für seine
Bedürfnisse gesondert entwickelt. Die ein- und zweisitzigen Schülertische waren
beweglich und auch das Lehrerpult konnte auf dem etwa 1 1/2 Meter breiten
Podest seitlich beliebig verschoben werden.
Die Farbgestaltung des gesamten Hauses war außen und innen aufeinander
abgestimmt: Rote, nach innen versetzte Klassentüren, blaue Fenstervorhänge, an
der Tafelseite einzuziehen, die Wandflächen hellgrau gehalten, unter den
breiten Tafelflächen ein tiefroter Streifen, die Kreiderinne und die
langgestreckten Heizkörper aluminiumgrau, als Kontrast schwarze Schüler- und
Lehrersitze, blaue Rohre der Bankgestelle.
Um jede Ablenkung im Unterricht möglichst auszuschalten, erhielt jede Klasse
nur ein geschmacksbildendes Bild. Die etwas überhöhten Fensterbänke verhüteten
Konzentrationsverlust durch Außeneinwirkungen.
Um Verletzungsgefahren zu vermeiden, wurden im gesamten Haus die Ecken
gerundet, die selbstentworfenen Kleiderhaken waren zur Wand gerichtet, die
Treppengeländer mit Sperrkügelchen versehen und es gab sogar eingebaute
Schirmständer mit Abtropfvorrichtung.
Selbstverständlich waren in der gegenwartsbejahenden "Neuen Schule"
alle von der Reformbewegung, insbesondere von der Arbeitsschulbewegung
geforderten Fach- und Nebenräume vorhanden wie ein kombinierter Musik-,
Zeichen- und Physikraum an der Nordseite, ein Werk- und ein Nadelarbeitsraum im
Untergeschoß, eine Bibliothek, daneben ein Arzt- und Untersuchungsraum und
selbst an 2 Pausenaufenthaltsräume für Mädchen und Jungen im Eingangsbereich
war gedacht, sogar an Fahrradständer und an einen Schulgarten. Die Waschräume
enthielten nach Größe abgestufte Waschbecken mit schwenkbaren Seifenbehältern
und Handtüchern. Die zum Zwecke der Schülerkommunikation nur halbhoch
gehaltenen Zwischenwände auf den Abortanlagen mußten jedoch nach umgehend
erhobenen Protesten auf die erforderliche Höhe gebracht werden und die
Vorderfront wurde mit Türen versehen (Völckers, S. 14).
Ein besonders hervorzuhebender Raum ist die geräumige Lehrküche mit fünf
Küchenzeilen, alle mit modernsten Geräten ausgestattet, jede mit Strom- und
Gasverbrauchsuhr (Völckers, S. 13), um die sparsamste Kochgruppe zu ermitteln.
Diese bahnbrechende Küche erhielt das deutsche Reichspatent.
Als Prunk- und Paradestück galt und gilt heute noch in der Fachpresse
des In- und Auslandes die Turnhalle, damals als Sport-, Fest-, Feier-
und Kinoraum gedacht; erst wenige Tage vor dem Abgabetermin der Wettbewerbsunterlagen
aus der Überlegung heraus entstanden, dass man die beiden großen
zweigeschössigen, parallel zueinander stehenden Hauptblöcke lediglich mit einem
lichten Dach zu überbrücken habe, um einen respektablen Mehrzweckraum zu
gewinnen. Die Lösung war ein Glasdach mit den damals gerade erfundenen
Luxferprismen-Bausteinen. In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 15.08.98
schreibt Simone Oelker zum 70. Geburtstag dieser Schule: "Ein
konstruktivistisches Fanal bildete eine Eisenkonstruktion, an der Kugelleuchten,
aber auch Turnringe befestigt waren. Die Inszenierung der Halle durch Farbe,
künstliche Beleuchtung und Oberlicht ließ Zeitgenossen den Raum mit barocken
Kirchen vergleichen."
Hier wie auch an den 3 Hauseingängen wiederholten sich großflächig die Farben
der Klassenräume.
Das Gästebuch eröffnete der damalige Oberpräsident der Provinz Hannover
(1920-1933), Gustav Noske (1868-1946), der erste Reichswehrminister
(1919-1920).
Hermann Nohl (1879-1960), ein hervorragender Verfechter der Reformbewegungen, schrieb
1929 in das Gästebuch: "Der Leib ist die halbe Seele."
Es setzte ein Ansturm von Hunderten von Besuchern ein, Baufachleute wie die
Dessauer Hütte mit Professor Eiermann (1904) und Kandinski (1886-1944),
Reformpädagogen wie Hermann Nohl (1879-1960), Richard Hermann Seifert
(1862-1940) und Peter Petersen (1884-1952) und Interessierte nicht nur aus
Deutschland, sondern aus der ganzen Welt von den USA bis Japan besuchten die
Musterschule auch noch viele Jahre nach der Eröffnung.
Mit Unmut mußte Haesler bereits 1928 eine Reihe von Klassen statt mit
Zweiersitzen mit Dreiersitzen ausrüsten, weil bereits im Umzugsjahr 19 Klassen
mit 788 Schülern aufzunehmen waren, dass sind 41 Schüler pro Klasse.
In verhältnismäßig ruhiger Atmosphäre, die für einen erfolgreichen Unterricht
nötig ist, konnte die Schule nur 5 Jahre, von 1928 -1933, ansatzweise im Sinne
der Reformer arbeiten. Von herausragender Bedeutung und später nie wieder
erreicht, ist unbedingt die tägliche Sportstunde in einigen Jahrgängen,
eingeführt von Herrn Sportlehrer Martens. Sie wurde begünstigt durch die neue
Halle und durch die unmittelbare Nachbarschaft des Fuhsebades und der
Sportplätze.
Dann folgt, wie überall im 3. Reich, die Politisierung der Schulen und die
Gleichschaltung des Unterrichtes.
Im Sommer 1939 begann die Phase, die die Entwicklung der Schule wesentlich
beeinflußte, nämlich die Phase der Fremdbelegung, die sich dann 40 Jahre
hinziehen sollte und deren Fortsetzung immer wieder in Erwägung gezogen wurde.
Sie begann am 07.07.1939 mit einer 7-wöchigen Belegung durch ein Frauenlager,
unmittelbar gefolgt von 6-maliger Einquartierung von Wehrmachtseinheiten bis
zum 16. Juni 1941, u.a. ein ganzes Bataillon.
Sofort danach, am 13.06.1941, wurde im gesamten Westteil der Schule, also im
Mädchentrakt, eine Lehrerbildungsanstalt eingewiesen und die innere
Umgestaltung zum Zwecke der Raumgewinnung setzte sein. Die
Lehrerbildungsanstalt wurde gegen Kriegsende, etwa am 10.04.1945, aufgelöst.
Daneben hatten seit dem Herbst 1944 Flüchtlinge aus Ostpreußen, Pommern,
Schlesien und aus dem Warthegau im Hause Zuflucht gefunden. Immer wieder
bezogen Wehrmachtsangehörige hier Quartier und vor Kriegsende wurde ein Lazarett
eingerichtet.
Nach dem Einmarsch der Alliierten Truppen beschlagnahmten die Engländer das
Gebäude. Sie zogen erst im Spätsommer 1946 aus und hinterließen ein leeres
Haus. Die gesamte Innenausstattung einschließlich der Tafelvorrichtungen und
des Kücheninventars war entfernt; die moderne Gasheizung konnte schon seit dem
Bombenangriff am 8. April 1945 nicht mehr genutzt werden.
Erst im Herbst 1946 erhielt die Altstädter Schule lediglich die nackten, kalten
Räume der Osthälfte des Gebäudes zurück, während die gesamte Westhälfte und der
Nordteil mit dem Zeichen- und Musikraum als Auditorium Maximum in die Obhut
der Pädagogischen Hochschule überging, die bereits ein
Dreivierteljahr mehr als notdürftig in zwei Barackenräumen der Berufsschule in
der Bahnhofstraße, in der ehemaligen Triftschule, - ebenfalls ohne Möbel -
Unterschlupft gefunden hatte.
Für die Hochschule war der Umzug in die Musterschule der Pädagogischen
Reformbewegung, die sie selbst mit aller Entschiedenheit vertrat, lebte und
lehrte, ein besonderer Glücksfall und sie hat sich in Celle ausgesprochen
wohlgefühlt. Prof. Bohnenkamp sagte bei der Verabschiedung der Hochschule im
Schloß 1953: "Es war eine schwere und glückliche Zeit".
Die Pädagogische Hochschule war für die Altstädter Schule trotz der
unbeschreiblichen Enge insofern ein unschätzbarer Gewinn, als sie als Versuchs-
und Beispielschule u.a. von dem Wirken der in der gesamten Bundesrepublik hoch
angesehenen Celler Professorenschaft aus erster Hand profitieren konnte als da
waren Prof. Bohnenkamp, Vorsitzender des Arbeitskreises sämtlicher
Pädagogischen Hochschulen Westdeutschlands, u.a. Mitautor der Richtlinien für
die innere Führung der neu er-
standenen Bundeswehr, der weithin bekannte Religionspädagoge Prof. Dr.
Kittel, der Celler Musikprofessor Fritz Schmid, alle drei aus der
Wandervogelbewegung hervorgegangen oder Prof. Breidenbach, ein
hervorragender Mathematikdidaktiker, dessen Unterrichtswerke in Westdeutschland
die beherrschende Stellung einnahmen. Die Celler Lehrkräfte nutzten gern die
Möglichkeit, an den Vorlesungen, Übungen und auch an den Festen teilzunehmen,
und Studenten übernahmen freiwillig und kostenlos Vertretungsunterricht. Der
"Celler Geist", wie das harmonische Miteinander des Lehrkörpers und
der Studenten dieser "Musischen Hochschule" außerhalb Celles
allgemein genannt wurde, strahlte auch auf ihre unmittelbare Umgebung aus.
Wie schwierig die Unterrichtsgestaltung in den ersten Nachkriegsjahren
war, mögen einige Daten verdeutlichen: Im März 1947 wurden ca. 1800 Schüler,
aufgeteilt in 29 Klassen, von nur 20 Lehrkräften in 6 Barackenräumen und 10
Klassenzimmern und 3 Seminarräumen der Hochschule von morgens um 8.00 Uhr bis
nachmittags um 16.30 Uhr, 1949 sogar bis 18.30 Uhr, in drei aufeinanderfolgenden
Schichten in oft ungeheizten Räumen unterrichtet, im Durchschnitt 62 Kinder in
einer Klasse. Um den Schulbetrieb in den Wintermonaten überhaupt eingermaßen in
Gang zu halten zogen die Dozenten und Professoren (etwa 20) mit der gesamten
Studentenschaft (ca. 140) zum Stubbenroden in die nahegelegenen Wälder und
versorgten so die Schule mit Brennholz.
Im Schuljahr 1949/50 war die Altstädter Schule mit mehr als 1800 Kindern die
weitaus größte Volksschule Celles. Sie wurde am 01.04.1950 aufgeteilt in die
Altstädter Schule I mit 1000 Schülern und Rektorin Bingmann und in die
Altstädter Schule II mit 800 Schülern als Beispiel- und Versuchsschule der
Pädagogischen Hochschule mit Jena-Plan-Schule unter Prof. Moldenhauer.
Beide Schulen teilten sich die wenigen Räume.
Die im November 1946 ins Leben gerufene Jena-Plan-Schule, von Peter Peterson
(1844-1952), dem Initiator dieser Schulform selbst einige Male aufgesucht, lief
3 Jahre nach dem Weggang der Hochschule (1956) aus.
1952 wurden die Schulgrenzen der Stadt erheblich geändert. Der
neugegründeten Waldwegschule wurden 150 Kinder der Altstadt zugeführt.
Nach der Verabschiedung der Hochschule im Jahr 1953 war ja nach Meinung der
Stadtverantwortlichen in der Altstädter Schule wieder Platz geworden und so
belegten sie einzelne Räume des Westflügels und einige Barackenräume mit
Klassen der unmittelbaren Nachbarschulen, nämlich der Pestalozzischule und des
Gymnasiums Ernestinum. Außerdem wurde auf einen Teil des Schulhofes nach der
Versetzung einer Baracke die Pestalozzischule errichtet, doch zunächst vom
Ernestinum bezogen, jetzt von der Kreismusikschule genutzt.
Selbst 2 Schulneugründungen von Schulen, die heute noch existieren,
wurden in der Altstädter Schule vollzogen: Von 1958 - 1965 war die
"Förderschule für spätausgesiedelte Kinder und Jugendliche" hier zu
Gast und von 1960 - 1966 die Sprachheilschule.
Erst am 31.03.1963, 10 Jahre nach dem Weggang der Hochschule, konnten die
beiden nebeneinanderlaufenden Altstädter Schulen I und II wiedervereinigt
werden.
Von 1967 - 1981 war die Altstädter Schule eine Grundschule mit einer vom
Kultusministerium ausdrücklich anerkannten Förderstufe. Diese 14 Jahre
erprobte Schulform, im Verbund mit der Blumlage durchgeführt, die die Klassen 7
- 9 übernahm, war nach meiner persönlichen Überzeugung insbesondere für die
potentiellen Hauptschüler und für die sprachliche und gesellschaftliche Integration
der vielen ausländischen Kinder - im Winter 1974/75 war ihr Anteil auf 121
gestiegen - entschieden erfolgreicher als die darauf folgende Orientierungsstufe.
Der nahtlose, kontinuierliche Übergang von der Grundschule in die Förderstufe,
der Verbleib im Klassenverband, die Vermeidung jeglicher Diffamierung und die
Ersparung von Minderwertigkeitskomplexen, weil die Möglichkeit bestand, nach
vorne zu kommen, der schülerspezifische Unterrichtsstoff und das angemessene
Arbeitstempo, die Vermeidung des plötzlichen Zensurensturzes, eine
leistungsfördernde, schülergerechte Differenzierung in Mathematik und Englisch,
ein Förderkurs in Deutsch, all das rechtfertigt diese Schulform.
Die Politiker haben anders entschieden.
Aus der Altstädter Schule wechselten nach Absolvierung der Grundschule jährlich
mehr als 50 % auf eine Oberschule oder auf ein Gymnasium.
Bereits 1967 führte die Altstädter Schule als eine der ersten Schulen mit ihren
auslaufenden Abschlussklassen Berufspraktika in Celler Betrieben durch.
1968 erfuhren Eltern, Kollegium und Schüler aus der Zeitung den einstimmigen
Stadtratsbeschluss, wegen der wachsenden Raumnot in der Pestalozzischule und im
Ernestinum die Altstädter Schule aufzulösen und ihre Schüler auf die
umliegenden Nachbarschulen der Stadtrandgebiete zu verteilen. Für die
Grundschüler war ein Neubau in der Burgstraße im Gespräch. Nach der Empörung
der Elternschaft und des Kollegiums über das bürgerferne, undemokratische
Verhalten der Mandatsträger wurde in einer öffentlichen Ratssitzung, geleitet
von Oberbürgermeister Dr. Hörstmann, der glücklicherweise selbst im Schulbezirk
wohnte und immer ansprechbarer Hausarzt unserer Schule war, unter großer
Beteiligung der Altstädter Schulgemeinde mit den Stimmen der
Mehrheits-Fraktionen der Beschluss wieder aufgehoben.
1971 beschloss dann der Stadtrat, wiederum einstimmig, "auf dem
Gartengelände neben dem Rektorhaus" für die Pestalozzischule zusätzlich 10
Mobilbauklassen zu errichten, die jetzt von der Sprachheilschule bezogen
sind. Damit war der Rückzug vom Westschulhof, dem früheren Mädchenschulhof,
eingeleitet.
Am 01.02.1971 wurde die erste Vorklasse Celles in der Altstädter Schule
eingeweiht. Hier und in dem bereits 1960 gegründeten Schulkindergarten
erhielten die 5-jährigen, die Kannkinder, die Spätentwickler, insbesondere aber
auch die sprachlich zu unterstützenden Ausländer nach einem von der Schule
selbst entwickelten Eingangstest schon damals eine auf das einzelne Kind
zugeschnittene, spezielle Frühförderung.
Das Schuljahr 1972/73 war für die Schule ein besonderes Feierjahr: Erstmals
seit 33 Jahren durfte sie das feste Gebäude alleine benutzen.
Am 01.03.1973 konnte die Umgestaltung der Turnhalle, seit Jahren immer wieder
vom Technischen Überwachungsdienst angemahnt, abgeschlossen werden.
Im Schuljahr 1974/75 setzte, ausgelöst durch ein neues Kindergesetz, eine so
starke Ausländerinvasion ein, dass eine dritte Sprachvorbereitungsklasse
eingerichtet werden mußte. (Die Altstädter Schule beherbergte allein aus der
Türkei 110 Kinder, zumeist kurdischer Herkunft).
Eine Lenkung und eine gleichmäßigere Verteilung des Ausländerzustroms durch die
politisch Verantwortlichen wäre hier wie auch in anderen Städten (z.B.
Frankfurt oder Hamburg) für die Entwicklung der Innenstadt und insbesondere für
die Förderung sowohl der ausländischen als auch der deutschen Kinder von
entschiedenem Vorteil gewesen. In den Klassen betrug der Ausländeranteil um 30
%, in den Vorklassen bis 70 %. Bis zu 10 % Ausländeranteil sind ohne Schaden
für alle Seiten - sogar mit Gewinn - zu verkraften. Es bleibt deshalb nach wie
vor die berechtigte, bisher aber ungehörte Bitte an die politisch Verantwortlichen,
sich mit Elan im Interesse aller Kinder aus Gründen der Gleichbehandlung und
der Chancengleichheit für diesen Grenzwert einzusetzen. Jedenfalls ist das
Engagement speziell dieses Kollegiums für die Integration nicht hoch genug
einzuschätzen.
Im Jahre 1979/80 durfte die Schule wegen ihrer ausgiebigen Erfahrungen mit
Emigranten im Rahmen der Sonderaktion des Landes Niedersachsen mit besonderer
Freude und mit ungewöhnlichem Erfolg die Boatspeople-Kinder aus Vietnam
betreuen. Die meisten der Kinder (9) konnten bereits nach einem 1/2 Jahr, die
letzten nach einem Jahr, ohne Schwierigkeiten dem Unterricht ihrer Normalklasse
folgen. Diese Tatsache macht deutlich - in der mit anderen Zielen erstellte Pisa-Studie
in keiner Weise auch nur angemessen gewürdigt -, dass der Integrationserfolg
ganz entscheidend von verschiedenen Faktoren wie Herkunftsland,
Bevölkerungsschicht, Ghetto-Konzentration und Integrationswille abhängig ist.
Im Jahre 1978, dem Jahr des 50-jährigen Jubiläums, stand nach 40 Jahren und zum
ersten Male nach dem Krieg jeder Klasse ein eigener Raum voll zur
Verfügung, da auch das Ernestinum die letzten Barackenräume verlassen hatte, -
eine Situation, die für andere Einzugsgebiete seit langem selbstverständlich
war. Vier unbrauchbar gewordene Barackenräume konnten nun abgerissen
werden, zwei wurden grundrenoviert.
Am 01.08.1981 wurde die Altstädter Schule im Zuge der Einführung der
Orientierungsstufe wieder Grund- und Hauptschule und erhielt für den
Verlust des Mittelbaus die Hauptschüler Westercelles.
Soweit der geschichtliche Rückblick zur Altstädter Schule.
Die Altstädter Schule ist zweifellos die älteste, die traditionsreichste der
vier alten Celler Volksschulen. Sie war bis lange nach dem 2. Weltkrieg auch
die weitaus größte dieser Schularten und bis zum 3. Reich Sitz des Leiters der
Rektorenkonferenz. Es gibt keine andere Celler Volksschule mit so wechselvoller
Geschichte, mit so vielen Höhen und Tiefen.
Wieweit hat sich nun dieser 75-jährige Bau bewährt?
Er wurde nur durch den guten Willen der in ihm Schaffenden den ständig
wechselnden Anforderungen, für die er keinesfalls geschaffen war, gerecht. Er
ist zweifelsohne größtenteils durchaus noch funktionstüchtig und in mancher
Hinsicht sogar immer noch fortschrittlich. Doch lassen Sie mich nach fast
30-jähriger Erfahrung in diesem Haus auch auf drei wesentliche Mängel
hinweisen:
Erstens: Das Prunkstück, die von Außenstehenden überall gelobte und
optisch wunderbare Turnhalle, zeigte in der Praxis, dass ihr die für Haesler
sonst so typische Planung im Detail fehlte und ihr ist anzumerken, dass sie
nachträglich überhastet hinzugefügt worden ist: So bereitete den Kindern das Wuchten
der schweren Turngeräte in den 1/2 m höhergelegenen Geräteraum größte
Schwierigkeiten.
Die Heizungen ragten in den Raum hinein und stellten neben dem harten
Betonboden ständig Verletzungsfahren dar.
Das Glasdach wurde in all den Jahren zumeist an mehreren Stellen zugleich
undicht, so dass häufig um Auffangwannen herumgeturnt werden mußte.
Das größte Übel aber war die katastrophale Akustik, das muss - allen
anderslautenden Pressemeldungen zum Trotz - deutlich gesagt werden.
Zweitens: Bei dem Entwurf der Klassenraumgrößen hatte sich Haesler dem
Trugschluss hingegeben, dass sich die Klassenfrequenz im Laufe der Jahre der
Idealzahl der Schulreformer (nämlich 20) annähern würde. Das ist nach 75 Jahren
noch nicht der Fall.
Drittens: Der Aufenthalt im Ostflügel ist an aufeinanderfolgenden
Hochsommertagen unerträglich. Jährlich immer wieder neu gestellte Anträge auf
Einbau von Sonnenschutz wurden aus Denkmalschutzgründen unerbittlich abgelehnt.
Dabei hätte Haesler selbst dieser Veränderung ohne weiteres zugestimmt. Er
sagt: "Hygiene des Raumes und Gesundheit der Kinder haben Vorrang auch vor
städtebaulichen Maßnahmen."
Und was ist von den Reformgedanken geblieben?
Der Werkunterricht und der hauswirtschaftliche Unterricht, erweitert durch
Arbeitslehre, den Technikunterricht und den anspruchsvolleren Physik- und
Chemieunterricht haben sich generell etabliert und werden von tüchtigen
Lehrkräften mit Engagement vertreten. Der musische Unterricht, die dem
Künstlerischen, den Musen zugewandte Erziehung, die Erziehung zur sittlichen
Gemeinschaft, hat in der Bundesrepublik allgemein nicht die Steigerung
erfahren, wie sie in der erschreckend rationell ausgerichteten Umwelt als
Gegengewicht für die Gesamterziehung dringend notwendig wäre.
Die zerstückelten Schulstrukturen, die verflachende, überhandnehmende
Einwirkung der Medien insbesondere aber die schmalspurige einseitige Ausbildung
an den Hochschulen speziell im Fach Musik treiben die Vernachlässigung der
überlieferten Kulturwerte wie z.B. die Pflege des Volksliedes und des
Chorgesanges voran und tragen entscheidend zur Verarmung der emotionalen
Entwicklung des Kindes bei.
Schlussgedanken
Dieser Rückblick belegt u.a. eindeutig auch die lokal benachteiligte
Situation dieser Schule.
In der Vergangenheit wurde jeweils bei neuen schulpolitischen Vorgaben unter
allen drei Regierungsformen von der Weimarer Republik bis in die Gegenwart
hinein vornehmlich die Altstädter Schule als bequeme, kostengünstige
Notunterkunft für andere Einrichtungen genutzt, z.T. mit Endcharakter. Ihre
zentrale Lage verführte die Mehrzahl der Verantwortlichen immer wieder zu
Überlegungen, die Altstädter Schule überzubelegen oder, im krassesten Fall, sie
einfach auf die 5 oder 6 Randschulen zu verteilen.
Deshalb sei mir eine Bitte an die Entscheidungsträger gestattet: Nach den
bisherigen - für eine Schule außergewöhnlich vielen - Turbulenzen sollte diese
Bildungsstätte nicht nur denkmalpflegerisch unter einem besonderen Schutz
stehen. Auch dem ältesten, traditionsreichen Schulbezirk der Stadt Celle sollte
aus Gründen der Gleichbehandlung eine Unterrichtsstätte in weniger
unruheträchtiger Schulatmoshäre zugestanden werden.
In diesem Sinne wünsche ich der Altstädter Schule anläßlich ihrer 75-Jahrfeier
umsichtige, verantwortungsvoll handelnde Fürsprecher und den Schülern, den
Eltern und nicht zuletzt dem engagiert kritischen Kollegium auch in der Zukunft
eine harmonische Zusammenarbeit zum Wohle der ihm anvertrauten jungen Menschen.